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"Wenn ich die Geschichte in Worten erzählen könnte,
brauchte ich keine Kamera herumzuschleppen."
Lewis W. Hine(1874-1940)

Wernigerode (Harz) um 1905 
(Sammlung Rohde-Enslin [#000975])

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Nachlaß Hans Wagner im Kommunalarchiv Herford

[Kennziffern]

Gesamtzahl100.000
"Material"
    Papierabzüge?
    Filmnegative?
    Glasnegative?
    Filmdias?
    Glasdias?
"Zeiten"
    <1901?
    1901-1944?
    >1944?
"Digitalisiert"
    Anzahl?
    Zugänglich?

[Beziehungen]

  Kommunalarchiv Herford 

  Herford


"Nachlaß Hans Wagner" ist Teilbestand (1 von 4) von Kommunalarchiv, Herford


[Beschreibung 1 von 1]

"Der Nachlaß des Fotografen Hans Wagner im Kommunalarchiv Herford
Wer war Hans Wagner?
Hans Wagner, 1909 in Berlin geboren, kam 1921 durch die zweite Heirat seiner Mutter nach Vlotho an der Weser. Er erlernte auf Wunsch seines Stiefvaters einen kaufmännischen Beruf und arbeitete in verschiedenen Vlothoer Firmen, ehe er Anfang der 30er Jahre infolge der Wirtschaftskrise arbeitslos wurde. Ungefähr zum selben Zeitpunkt hatte Wagner, angeregt von der Gedankenwelt der Jugendbewegung der 20er Jahre begonnen, „die Schönheit der Heimat" (Wagner) fotografisch zu dokumentieren. So entstanden Landschaftsaufnahmen, Alltagsszenen und, auf Nachfrage von Freunden und Bekannten, auch Porträts. Seine Arbeiten fanden nicht nur Beifall, sondern auch Abnehmer, so daß sich Hans Wagner 1932 als Ansichtskartenverleger selbständig machte. In den folgenden Jahren reiste er durch Deutschland, die Schweiz, Österreich und Skandinavien, zunächst noch mit dem Fahrrad, dann - mit zunehmendem Erfolg und Einkommen – mit dem Auto, und belichtete Film um Film mit Aufnahmen, die sich für Ansichtskarten und Zeitschriften eigneten.
Die Firma Leitz in Wetzlar wurde auf den technisch brillanten Fotografen aufmerksam. Hans Wagner wurde 1937 Leiter ihres Werbebildarchivs, später Leiter von Lehrgängen, in denen er den richtigen Umgang mit der Leica-Kleinbildkamera vermittelte. Daneben entstanden Landschafts- und Städtebilder sowie Industriedokumentationen, z.T. in frühen Farbdiaaufnahmen. Da Wagner sich nicht angemessen bezahlt fühlte, kündigte er 1939 bei Leitz, in dem beruhigenden Bewußtsein, sich „einen Namen" (Wagner) gemacht zu haben. Tatsächlich beauftragte ihn kurz darauf die finnische Fremdenverkehrsbehörde, im Hinblick auf die Olympischen Spiele, die 1940 in Helsinki stattfinden sollten, eine repräsentative Farbdiadokumentation des ganzen Landes anzufertigen. Wagner machte Hunderte von Fotos, doch das geplante Buch kam durch den Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht zustande.
Hans Wagner meldete sich freiwillig. Eingesetzt wurde er als Bildberichter zur aktuellen Berichterstattung aus Berlin über die „Parteiprominenz" ebenso wie hinter den Fronten in ganz Europa und Afrika, wo er 1943 gefangengenommen wurde. 1946 erfolgte die Freilassung aus der Internierung in Kansas, USA: Hans Wagner kehrte zunächst nach Wetzlar zurück. Dort fand er zwar sein Bildarchiv intakt vor, die Ausrüstung hingegen war verlorengegangen. Er tauschte Gerät gegen Geld, gegen das während des Krieges stillgelegte Auto. Erneut gründete Wagner in Vlotho einen Ansichtskartenverlag. Wieder bereiste er Deutschland, einige Male auch Skandinavien und Südeuropa für Aufnahmen, wie sie der Ansichtskarten-, Zeitschriften- und Buchmarkt verlangte. Er belichtete hunderte von Filmen mit ,,Postkartenansichten", dazwischen immer wieder Bilder von regional bedeutsamen Ereignissen, Szenen, die ihm bildwürdig erschienen, und Familienfotos.
Deutschland veränderte sein Gesicht. Hans Wagner hielt dies fünfzig Jahre lang mit der Kamera fest - hielt sein ,,Vaterland“ fest, das er seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges von der Welt „gedemütigt“ sah, zu Unrecht zur Verantwortung gezogen für das, was doch, seiner Ansicht nach, nur ein einziger „Wahnsinniger“ verschuldet habe. Er bewegte sich nun in der Nähe der NPD, leugnete Auschwitz, verlangte „Freiheit für Rudolf Heß". Als Mann, „der im Herzen Deutscher war", oder einfach als ,,alter Nazi" - so oder so ist Hans Wagner, der 1981 starb, seinen Zeitgenossen in seinem Heimatort bis heute in Erinnerung geblieben.

Was geschah mit dem fotografischen Nachlaß Hans Wagners?
Er gelangte, nach dem Tod von Hans Wagners zweiter Frau, die noch mit dem Bildarchiv gearbeitet und Aufnahmen daraus verkauft hatte, 1992 als Dauerleihgabe in das Kommunalarchiv Herford, Abteilung Kreis. Anders als größere Institutionen, die jeweils nur an Teilen des Nachlasses (z.B. an dem des Kriegsberichters) interessiert waren und diese mit den Bildrechten ankaufen wollten, wurde in Herford die Übernahme des gesamten Bestandes zu den Bedingungen der Erben garantiert. Grund für diese Entscheidung war der Wunsch, den Nachlaß eines Fotografen aus der Region hier zu behalten, und ihn davor zu bewahren, auseinandergerissen zu werden. Das Archiv versprach die sachgerechte Ordnung und Erschließung des über 100.000 Fotos zählenden Bestandes. 1993 wurde zu diesem Zweck eine auf zwei Jahre befristete Stelle eingerichtet, die im Archiv fachlich betreut wurde. Die Bearbeiterin stand zunächst vor einer Wand von wahllos gepackten Kartons, gefüllt mit S/W-Abzügen und mit dem, was später die „Sammlung“ werden sollte: Geschäfts- und private Unterlagen Hans Wagners, Teile ihm zugeeigneter Nachlässe, anderer verstreuter Kleinigkeiten. Dann waren da noch die alphabetisch nach Orten geordnete Ansichtskartensammlung (mit über 600 Orten), der Farbdiabestand - leidlich ordentlich nach verschiedenen Regionen und Sachgebieten in Diakartons verpackt -, einige Kisten mit numerisch oder nach Sachgebieten geordneten Glasplattennegativen und schließlich, als Herz des Nachlasses: zwei Rollschränke mit Tausenden von S/W-Kleinbild- und Rollfilmnegativen, tadel- und lückenlos chronologisch nach Filmnummern sortiert.
Nach einer ersten Sichtung zeigte sich bald das grundlegende Problem: es gab für die Archivbenutzer keinen schnellen Zugriff auf das Material. Hans Wagner hatte seine Bilder und deren Fundstellen weitestgehend im Kopf, deshalb kam er mit einer groben Sortierung und einigen Notizen zu seinen Filmen aus. Optimale Abhilfe hätte bei diesem Problem eine Kartei mit wenigstens einer Karte für jedes Bild geschaffen. Diese in zwei Jahren anzulegen war unmöglich; lediglich für die S/W-Aufnahmen mit Motiven aus dem Kreis Herford aus den Jahren 1931 bis 1950 konnte solch ein Vorhaben verwirklicht werden. Um für die Archivbesucher trotzdem alle Teile des Nachlasses so weit wie möglich zugänglich zu machen, wurde der mit 10.000 Stück relativ überschaubare Bestand der S/W-Abzüge gesichtet und nach folgenden Gruppen verzeichnet: Deutsche Orte (die bei weitem größte Sachgruppe mit insgesamt 978 Stichworten) – Deutsche Landschaften - Ausland – Geschichte - Politik - Arbeitswelt - Freizeit - Sport - Verkehr - „Auf dem Land" - Kirche - Jahreszeiten - Stimmungen - Personen - Kinder - Kinder mit Tieren - Tiere - Pflanzen.
Jeder Archivbenutzer kann nun nach Fotos zu seinem Forschungsgebiet oder zu einem ihn interessierenden Ort suchen. Liegen entsprechende Abzüge vor, erschließt sich über die Filmnummer auf der Bildrückseite nicht nur der Entstehungs-Zeitpunkt, sondern auch der entsprechende Film, der eventuell noch in Frage kommenden Aufnahmen, die nicht als Abzug vorliegen, enthält. Insgesamt wurde der komplette Bestand grob gesichtet und unterschiedlich detailliert verzeichnet. Die Ergebnisse liegen in einem Findbuch vor, das auch eine Collage von Texten zu Hans Wagners Biographie beinhaltet. Die wünschenswerte, umfassende Bild-für-Bild-Verzeichnung mit anschließender Klassifizierung ebenso wie die darauf basierende wissenschaftliche Auswertung dieses fotografiegeschichtlich wertvollen und hochinteressanten Nachlasses sind noch zu leisten. Dessen ungeachtet, sind die „Postkartenidyllen“ Hans Wagners für die Öffentlichkeit zugänglich. Laut Depositalvertrag darf eine kommerzielle Verwertung nur mit der Zustimmung der Eigentümerin der Urheberrechte erfolgen.
(Annette Huss)"

[Quelle: Annette Huss, "Der Nachlaß des Fotografen Hans Wagner im Kommunalarchiv Herford" In: Archivpflege in Westfalen-Lippe, Heft 43, April 1996, S. 38-39]

[URL: http://www.lwl.org/waa-download/Heft43-04-1996.pdf Geht zu: http://www.lwl.org/waa-download/Heft43-04-1996.pdf - Zuletzt besucht: 2008-03-25]